Mittwoch, 22. Oktober 2014

Der Gott des menschlichen Herzens


Die Bienenkönigin fliegt nie ins Freie, ohne dass sie von ihrem ganzen Bienenvolk umgeben ist; ebenso zieht auch die Liebe nur mit ihrem ganze Gefolge, nämlich allen anderen Tugenden, in unser Herz ein. Die Liebe übt diese Tätigkeit, setzt sie ein wie ein Hauptmann seine Soldaten, aber keineswegs alle auf einmal oder in gleicher Weise oder immer und an allen Orten.

Es gibt Tugenden, die beinahe überall gebraucht werden und nicht für sich allein wirken, sondern sämtlichen anderen Tugenden ihre Eigenart geben. Nicht oft ergibt sich die Gelegenheit, Kraft, Großherzigkeit, Großzügigkeit in der Tat umzusetzen, aber Milde, Mäßigung, Redlichkeit und Dienstbereitschaft gehören zu jenen Tugenden, die allen Handlungen unseres Lebens die rechte Färbung geben sollen. Es gibt sicher hervorragendere Tugenden als gerade diese, aber keine, die notwendiger wären.

Zucker ist besser als Salz, aber Salz braucht man häufiger und allgemeiner. Darum muss man immer einen guten Vorrat von diesen allgemeingültigen Tugenden zur Hand haben. Wir sollten jene Tugenden am meisten üben, die unseren Pflichten am besten entsprechen, nicht jene, die uns am liebsten sind. Unter den Tugenden, die nicht unsere besonderen Pflichten betreffen, sollten wir die besten an den ersten Platz stellen, nicht die auffallendsten.

So bemühen sie Menschen, die Gott dienen wollen, darum, den Kranken zu helfen, andere unterstützen die Armen, wieder andere versuchen, Kinder in der christlichen Lehre zu unterrichten, ander kümmern sich um Verlorene und Verirrte,wieder andere versuchen, Frieden und Eintracht zu Stiften. Es ist, als ob all diese Menschen auf verschiedenem Grund eine Stickerei anfertigen, indem sie eine schöne Vielfalt von Seiden, Gold und Silberfäden einarbeiten.


Quelle: Texte zum Nachdenken – Franz von Sales – Feuer und Tau – Führung der Seele – Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Ingeborg Klimmer – Herderbücherei


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