Mittwoch, 12. November 2014

Tertullian zur Christenverfolgung


„Nun denn“, heißt es da, „wenn ihr also leiden wollt, warum beklagt ihr euch denn darüber, daß wir euch verfolgen, da ihr doch vielmehr diejenigen lieben müßtet, durch welche euch das begehrte Leiden zuteil wird?“ Allerdings, wir wollen das Leiden, aber in der Weise, wie man auch den Krieg auf sich nimmt. Keiner nimmt ihn gern auf sich, da er notwendig auch Unruhe und Gefahr im Gefolge hat. Dennoch wird der Kampf mit aller Kraft geführt und, wer sich über den Kampf beklagte, freut sich, wenn er im Kampfe siegt, weil ihm Ruhm und Beute zuteil wird. Ein Kampf ist es für uns, wenn wir vor die Schranken des Gerichts gerufen werden, um dort, unser Leben in die Wagschale werfend, für die Wahrheit zu streiten. Siegen aber heißt, das erlangen, wofür man gestritten hat. Dieser Sieg trägt als Ruhm das Wohlgefallen Gottes heim und als Beute das ewige Leben.

Aber, wir werden niedergemacht! – Dann, wenn wir sie (die Beute) sicher im Besitz haben. Also siegen wir, wenn wir niedergemacht werden; kurz, wir entrinnen, wenn wir vorgeführt werden. Möget ihr uns immerhin Sarmentitier und Semiaxier titulieren, weil wir an einen aus einem halben Wellbaume bestehenden Pfahl angebunden, rings mit Reisigbündeln umgeben, verbrannt werden. Das ist unser Siegesaufzug, dies ist unser Siegeskleid, auf solchem Wagen triumphieren wir. Mit Recht gefallen wir also den Besiegten nicht, mit Recht hält man uns für aufgegebene und verlorene Leute, Allein ein solches Sichaufgeben und Verlorensein für den Ruhm und die Ehre hebt ja auch bei euch hoch empor die Standarte der Tugend.

Mucius ließ bereitwillig seine rechte Hand im Altarfeuer zurück. Welche Hochherzigkeit! Empedokles opferte seine ganze Person dem Feuerregen des Ätna. Welche Geistesstärke! Jene bekannte Gründerin von Karthago entrann durch den Scheiterhaufen einer drohenden zweiten Ehe. Welche Verherrlichung der Keuschheit und Züchtigkeitl Regulus duldete, um nicht durch die Erhaltung seines Lebens vielen Feinden das Leben zu erhalten, am ganzen Leibe Kreuzespeinen. Welch ein tapferer Mann, Sieger selbst als Gefangener!  Als Anaxarchus zum abschreckenden Beispiel mit dem Stößer eines Gerstenmörsers zerstampft wurde, rief er aus: „Stampfe, stampfe nur die Hülse des Anaxarchus; denn den Anaxarchus stampfest du nicht!“ Welche Seelengröße des Philosophen, der über einen solchen Tod noch scherzte!

Ich übergehe die, welche sich mit Hilfe ihres eigenen Schwertes oder durch eine andere sanftere Todesart des Nachruhmes versicherten. Denn siehe da, auch der Kampf gegen Folterqualen findet bei euch seine Krone! Eine Buhlerin zu Athen spie, als der Folterknecht schon müde war, zuletzt dem rasenden Tyrannen ihre zerkaute Zunge ins Gesicht, um damit auch ihre Stimme von sich zu werfen, damit sie nicht die Mitverschworenen angeben könne, selbst wenn sie es, etwa überwunden, wollen würde. Zeno, der Eleat, von Dionysius befragt, was die Philosophie denn gewähre, antwortete: „Verachtung des Todes; die Befreiung der Affekte“ und  besiegelte, den Geißelhieben des Tyrannen preisgegeben, seinen Ausspruch mit dem Tode. Bekannt ist, daß bei den Lazedämoniern Geißelstreiche, die unter den Augen der sogar noch aufmunternden Verwandten verschärft werden, der Familie ebensoviel Lob der Ausdauer einbringen, als sie Blut kosteten.

O, ein Ruhm, der erlaubt ist, weil er ein menschlicher ist, ein Ruhm, dem, wenn er den Tod und jegliche Grausamkeit verachtet, weder eine sich verloren gebende Verwegenheit noch eine an allem verzweifelnde Gesinnung als Beweggrund untergeschoben wird, dem vielmehr für das Vaterland, für die heimatliche Scholle, für das Reich und für die Freundschaft alles das zu leiden erlaubt ist, was für Gott zu leiden nicht erlaubt wird. Und ihr beschließt, den Genannten Standbilder zu errichten, ihr grabet ihre Brustbilder und zeichnet Ehrentitel ein, um sie so zu verewigen. Soviel ihr es durch Monumente vermöget, verleihet auch ihr den Toten gewissermaßen die Auferstehung. Wer aber, für Gott leidend, die wirkliche Auferstehung von Gott erwartet, den haltet ihr für einen Narren.

Aber fahrt nur so fort, treffliche Präsidenten, die ihr beim Pöbel viel beliebter werdet, wenn ihr ihm Christen opfert; quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf; eure Ungerechtigkeit ist der Beweis unserer Unschuld! Deswegen duldet Gott, daß wir solches dulden. Denn noch neulich, als ihr eine Christin zum Hurenhaus anstatt zur Löwengrube verurteiltet, habt ihr das Geständnis abgelegt, daß bei uns eine Verletzung der Schamhaftigkeit für schlimmer gelte als jede Strafe, als jede Todesart. Und doch, die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nützt nichts; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir  werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.

Schmerz und Tod geduldig zu ertragen, dazu fordern viele der Eurigen auf, Cicero in den Tuskulanen, Seneca in der Schrift: Über die Zufälligkeiten, Diogenes, Pyrrho, Callinicus; aber ihre Worte finden nicht so viele Schüler, als die Christen, die durch Taten lehren.

Gerade jener „hartnäckige Trotz“, den ihr uns zum Vorwurf macht, ist ein Lehrer. Denn welcher Mensch fühlt sich nicht, wenn er ihn betrachtet, mit Gewalt angetrieben, zu untersuchen, was innerlich der Sache zugrunde liegt. Wer tritt, wenn er untersucht hat, uns nicht bei? Wer wünscht nicht, wenn er beigetreten ist, zu leiden, um sich die Fülle der Gnade Gottes zu erwerben und sich von ihm Vergebung aller Schuld durch den Preis seines Blutes zu erkaufen? Denn um solcher Tat willen werden alle Vergehungen nachgelassen. Das ist der Grund, warum wir euch sofort für eure Richtersprüche Dank sagen. So beschaffen ist der Widerstreit zwischen einer göttlichen und menschlichen Sache: von euch verurteilt werden wir von Gott losgesprochen.

Tertullian, Apologetikum, Kap. 50


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