Samstag, 14. Februar 2015

Der Gott des menschlichen Herzens



Lassen sie den Herzen einen weiten Horizont und engen Sie es nicht zu sehr ein durch Wünsche nach Vollkommenheit. Da genügt ein (einziger) guter, entschlossener, sehr beständiger Wunsch ... und der muß mit dem Wasser de heiligen Gebets oft begossen werden.

Wir müssen sehr sorgsam darauf achten, diesen Wunsch in unserem Garten zu hegen, denn er ist der Baum des Lebens. 

Aber es gibt gewisse Wünsche, die das Herz tyrannisieren, sie wollen, dass nicht unsere Pläne durchkreuze, dass wir in keine Finsternisse geraten, sondern alles im vollen Licht des Mittags liege; sie möchten was unsere Übungen angeht, nur Angenehmes, ohne Widerwillen und Widerstand, ohne Zerstreuungen. Und wenn uns eine innere Versuchung überkommt, sind diese Wünsche nicht damit zufrieden, dass wir nicht zustimmen, sondern möchten, dass wir die Versuchung überhaupt nicht merken. 

Solche Wünsche sind so empfindlich, dass sie nicht damit zufrieden sind, wenn man uns saftige und nahrhafte Speise vorsetzt, sie soll darüber hinaus gezuckert und aromatisiert sein; sie möchten am Liebsten, dass wir die Augustmücken nicht einmal vor unseren Augen vorbeitanzen sehen: das sind Wünsche einer so süßlichen Frömmigkeit, von denen wir nicht viele haben dürften. 

Glauben Sie mir, süße Speise führt bei kleinen Kindern zu Würmern und auch bei mir, der ich doch kein kleines Kind bin, deshalb vermischt Gott uns das Süße mit Bitterem.

Ich wünsche Ihnen großen Mut ohne Empfindsamkeit, einen Mut, der sehr entschieden und ohne Vorbehalt sagen kann: es lebe Jesus! Und ich dabei weder um Süßes noch Bitteres, um Licht oder Finsternisse kümmert. Kühn wollen wir unseren Weg gehen in der wesentlichen, starken und unbeugsamen Liebe unseres Gottes.

(Brief des hl. Franz von Sales an Frau v. Chantal vom 9. August 1607)


Quelle: Texte zum nachdenken – Franz von Sales – Feuer und Tau – Führung der Seele – Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Ingebor Klimmer.


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