Donnerstag, 12. Februar 2015

Meditation und Kontemplation


Das Wort Meditation kommt in der Heiligen Schrift häufig vor und will nichts anders sagen als ein aufmerksames und wiederholtes Nachdenken, das geeignet ist, gute oder schlechte Empfindungen in uns zu erzeugen...

Jede Meditation ist ein Nachdenken, aber nicht jedes Nachdenken ist Meditation. Oft haben wir Gedanken, denen der Geist sich planlos oder ohne irgendeine Absicht zuwendet, nur in der Art eines bloßen Vergnügens, ähnlich wie wir gewöhnliche Insekten bald hier, bald da auf Blumen fliegen sehen, ohne daß sie etwas aus ihnen herausholen. Solch eine Art Nachdenken kann, so aufmerksam es auch sein mag, nicht den Namen Meditation beanspruchen, sondern muß schlicht Denken genannt werden.

Manchmal denken wir auch aufmerksam über etwas nach, um Ursache, Wirkungen, Eigenschaften kennenzulernen, diese Art Denken heißt Forschen.

Aber wenn wir an die göttlichen Dinge denken, nicht um sie zu erforschen, sondern um sie zu empfinden, so heißt das meditieren. Kurz gesagt befassen sich Denken und Forschen mit allen möglichen  Dingen, aber die Meditation – so, wie wir sie hier verstehen – befasst sich nur mit Gegenständen, deren Erwägung uns gut und gottnah machen kann. So ist Meditation nichts anderes als ein aufmerksames, wiederholtes oder bewusst festgehaltenes Nachdenken im Geist, mit dem Ziel den Willen anzuregen zu Empfindungen und Entschlüssen, die mit unserem Heil zu tun haben...

Die Seele geht in der Meditation von Mysterium zu Mysterium, nicht nur obenhin oder zum Trost zu finden beim Anblick der bewundernswerten Schönheit dieser göttlichen Dinge, sondern planvoll und mit der Absicht, Grund und Liebe oder einer anderen gottnahen Empfindung zu entdecken.
Wer das Himmlische liebt, fliegt wie die mystische Biene im Hohen Lied bald auf die Augen, die Lippen, die Wange, das Haar des Geliebten, um die Süße tausend liebevoller Herzensbewegungen davonzutragen, wobei die Biene bis ins einzelne bemerkt, was es da an seltenen Köstlichkeiten gibt: brennend in heilige Liebe redet sie mit dem Geliebten, fragt ihn, hört ihn, seufzt, atmet auf, bewundert ihn. Er aber, den sie liebt, erfüllt sie seinerseits mit Zufriedenheit, haucht sie an, berührt und öffnet ihr Herz und verbreitet Klarheit und Erkenntnis, Licht und Wonne ohne Ende in ihrem Herzen, aber auf so geheime Weide, daß man von diesem Gespräch der Seele mit Gott sagen kann, was die Schrift vom Gespräch zwischen Gott und Moses berichtet: als Moses allein auf dem Gipfel des Berges stand, sprach er zu Gott, und Gott gab ihm Antwort.

Kontemplation ist nichts anderes als eine liebevolle, einfache und bleibende Aufmerksamkeit des Geistes für göttliche Dinge. Die jungen Bienen werden Nymphen genannt, bis sie selbst Honig bereiten, dann erst nennt man sie Bienen. Ebenso nennt sich das Gebet Meditation, bis es den Honig der Gottesnähe hervorbringt, dann wandelt es sich in Kontemplation. Die Bienen fliegen in der Landschaft ihrer Gegend, um bald hier, bald da Honig zu sammeln; wenn sie ihn aber beigebrecht haben, bearbeiten sie ihn, weil sie Freude haben an seiner Süße. So meditieren wir (vielerlei), um liebe zu Gott zu sammeln, aber wenn wir sie gesammelt haben und besitzen, richtet sich unsere Aufmerksamkeit in der Kontemplation (allein) auf Gottes Güte, weil die Liebe uns in ihr Süßigkeit finden lässt. Die Sehnsucht nach der göttlichen Liebe führt uns zur Meditation, der Besitz dieser Liebe aber zur Kontemplation...

Wenn die Liebe jedoch in uns die Aufmerksamkeit der Kontemplation erweckt, lässt diese Aufmerksamkeit ihrerseits eine größere und glühende Liebe entstehen, die zu ihrer Vollendung kommt, wenn sie sich an dem freut, was sie liebt. Die Liebe gibt uns Freude beim Anblick dessen, den wir lieben, und dieser Anblick schenkt uns Freude an seiner göttlichen Liebe, so gibt es eine doppelte Bewegung von der Liebe zum Anblicken des Geliebten und vom Anblicken zum Lieben; die Liebe macht die Schönheit dessen, was wir lieben, schöner, und de Anblick dieser Schönheit macht die Liebe liebevoller und freudiger... Die Liebe drängt unsere Augen, die Schönheit dessen, den wir lieben, mit immer größerer Aufmerksamkeit zu betrachten, und dieser Anblick zwingt das Herz, ihn immer glühender zu lieben.


Quelle: Texte zum Nachdenken – Franz von Sales – Feuer und Tau – Führung der Seele – Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Ingeborg Klimmer – Hrsg.: von Gertrude und Thomas Sartory – Herderbücherei

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