Montag, 21. März 2016

Carl Ludwig von Haller, Satan und der Geist der Zeit

Carl Ludwig von Haller, Foto: Wikimedia Commons gemeinfrei
Von Michael Rieger

Bisweilen liest man einen alten Text, dessen Worte so gültig formuliert sind, dass sie auch die Gegenwart noch treffen. 1834 veröffentlichte der katholische Staatsrechtler Carl Ludwig von Haller (1768-1854), bekannt geworden durch seine Restauration der Staatswissenschaft, die polemische Zeitdiagnose Satan und die Revolution, in der er kein Blatt vor den Mund genommen hat. Vor allem lassen sich in diesem alten Text auch aktuelle Haltungen und Akteure deutlich wiedererkennen.

So ist Haller eine prägnante Charakterisierung der „Freunde des Zeitgeistes“ gelungen – „gleich Satanas“ seien sie „an einem ungemessenen Stolz“ zu erkennen, „der nur sich allein in der Welt sieht“ und „alles nur auf sich bezieht“. Dieser Menschentypus prägt unsere Welt heute auf eine beunruhigende Weise. Nichts scheint so selbstverständlich zu sein wie der Individualismus, doch der ist längst und logischerweise umgekippt in eine radikal subjektive Betrachtung der Welt. Selbstbezogenheit, Selbstzufriedenheit und Selbstverliebtheit verstellen den Menschen heute noch viel mehr als vor 182 Jahren den Blick auf die Welt, auf die Realität und auf die Wahrheit. Wie Karl Lagerfeld auf die Frage nach Gott einmal unmissverständlich antwortete: das Leben „beginnt mit mir, es endet mit mir. Basta!“ Denn mehr als das eigene Ich braucht man heute nicht, mehr könnte man auch kaum ertragen. Alle alten Bande sind längst „aufgelöst“, die Welt schrumpft zusammen auf das kleine, sich aber so groß fühlende Ich, das Leben wird zur ewigen Nabelschau und nichts geht dem Solipsisten so munter von den Lippen wie dieses endlose „Ich meine aber...“, „Also, ich glaube ja...“ und „Ich denke...“. Also, ich meine ja, dass Putin kein Aggressor ist und dass Multikulti toll ist und dass der Zölibat abgeschafft werden sollte und sonst kann jeder selbst entscheiden, wie er das will und überhaupt... Objektive Maßstäbe, geschichtliche Erkenntnisse, Denktraditionen kennen diese aufgeblähten Ichs so wenig wie die Realität. Der Freund des Zeitgeistes hat daher wenig Ahnung von dem, worüber er einer Meinung zu sein meint, trägt diese Meinung aber, seiner selbst ganz gewiss, stolz vor sich her.

Doch wo viel Stolz ist, da ist noch längst kein Mut. Die Freunde des Zeitgeistes, schreibt Haller, zeichneten sich weniger durch Mut als durch Hochmut aus, durch eine Einstellung, die „nie sich selbst opfert, sondern nur von allen andern endlose und einseitige Aufopferungen fordert“. Wer fühlt sich nicht sogleich an die sozialdemokratische Ideologie erinnert? An die Bequemlichkeit, ständig etwas von anderen zu fordern und auszugeben und dabei unbekümmert Schulden zu machen. Die EU ist derzeit, dies nur nebenbei, mit ca. 11 Billionen Euro verschuldet. Langfristig verantwortliches Handeln in der Politik ist also völlig überbewertet, denn die Zeche zahlen bekanntlich immer die anderen, noch in hundert Jahren, während man selbst seine Schäfchen ins Trockene führt. Ein besonders erstaunlicher Repräsentant dieser Haltung ist der in seinem Hochmut kaum noch zu überbietende, Gott sei Dank ehemalige griechische Finanzminister Varoufakis. Nachdem er nicht zuletzt Deutschland für die Misere seines Landes verantwortlich gemacht und seinen Landsleuten Sparsamkeit gepredigt hatte, posierte er wie jene halbseidenen Promis in Paris Match auf seiner Dachterrasse, mit Blick auf die Akropolis, während sein Land in dem von ihm mitverwalteten Chaos versank. Der mal verächtlich, aber immer selbstzufrieden schmunzelnde Zeitgeist in personam.

Da der Zeitgeist ganz auf das selbstherrliche Ich bezogen ist, wird die schnöde Welt zu seiner billigen und beliebigen Verfügungsmasse. Das Ich kann sich die Welt einrichten, ganz so, wie man sie eben braucht, wie sie denn sein soll – selbstverständlich nicht so, wie sie ist, denn nichts ist so, wie es ist, da ja das Ich darüber bestimmt, wie es die Dinge sieht. Weil nichts so ist, wie es ist, kann alles gemacht werden, wie man es gern hätte. So gleicht der Zeitgeist einem wahren Umbau- und Abbruchunternehmen. „In dem Gebäude dieser Welt, das der Schöpfer nach seinem Bilde geschaffen hat, soll kein Stein auf dem andern bleiben. Alles Große und Herrliche muß zertreten werden“, schreibt Haller, natürlich auch und vor allem „die christliche Kirche“. Die Freunde des Zeitgeistes sind stets geschworene Feinde des Glaubens. Es sei nur daran erinnert, dass Napoleon 1798 den Kirchenstaat auflöste, den Vatikan ausplünderte und Papst Pius VI. gefangen nahm, der daraufhin in der Haft starb. Die Kirchenverfolgung in der Sowjetunion drückte sich in der Zerstörung von Kirchen, der Verfolgung und massenhaften Ermordung von Geistlichen aus, sekundiert von den Aktivitäten des Bunds der kämpfenden Gottlosen. Nach diesen historischen Tragödien vergeht gegenwärtig kein Tag, an dem nicht irgendein armer Ahnungs- und Gottloser die Kirche durch den Schmutz zieht. Glaube, Bestand, Herkunft, Familie, Erfahrung, Tradition, Institutionen sind dem willkürlichen Zeitgeist allesamt nur ein Greuel. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: „Kurz, der Zeitgeist, der Sohn des Satans, stellt uns in seinem Triumphe und als Denkmal seiner Weisheit eine Welt von Trümmern und Ruinen dar; dagegen ist ihm das Bauen und Erhalten auf ewig versagt“, wie Haller schreibt und wie auch Reinhold Schneider gesagt hat: „Denn Täter werden nie den Himmel zwingen: / Was sie vereinen, wird sich wieder spalten, / Was sie erneuern, über Nacht veralten, / Und was sie stiften, Not und Unheil bringen“. Quod erat demonstrandum. Das gilt in ideeller Hinsicht, wenn wir uns die verführerischen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts ansehen – und es gilt in materieller Hinsicht, wenn wir die Ergebnisse dieser Ideologien betrachten: Der Planet ist entsprechend überzogen von den Spuren der menschlichen Anmaßung der Welteinrichtung. Was in den Kriegen noch nicht weggebombt wurde, das wurde bald darauf weggesprengt und eingeebnet, um jene individuellen, einfallsreichen, geschmackvollen, stilsicheren Bauten zu errichten, die unser Auge überall beleidigen, als Spiegelbild innerer Verarmung.

Dass die Freunde des Zeitgeistes auch Regeln und Gesetze nicht eben mögen, versteht sich von selbst. Es gehe ihnen darum, wie Plinio Corrêa de Oliveira es formuliert hat, „die rechtmäßige Ordnung der Dinge überhaupt zu zerstören und sie durch einen unrechtmäßigen Zustand zu ersetzen“. Der objektive Charakter von Regeln und Gesetzen ist nur ein Grund, um sie entsprechend zurechtzubiegen. Man bevorzugt die beständige, hektische Verwirrung. Die Reformpolitik in diesem Land, nicht zuletzt die geistigen Großtaten der Bildungspolitik hat Haller bereits korrekt beschrieben, denn „nichts ist von Dauer, alles mißlingt und stets muß wieder von vorne angefangen werden; Konstitutionen, Gesetze, Reglemente u.s.w. sind in einem beständigen Wechsel, einer ewigen Revision unterworfen, und der spätere Versuch ist allemal noch schlechter als der frühere“. Gesamtschule, Rechtschreibreform, verkürztes Abitur, Inklusion, Amerikanisierung der deutschen Universität, Gender-Mainstreaming im Kindergarten zeigen allesamt, dass die nächste Reform bestimmt noch blöder, unnötiger, absurder wird als die vorige es schon war.

Wen wundert es also – der satanische Zeitgeist hat längst triumphiert: „Ist nicht bald ganz Europa in seinen Rachen gefallen?“, fragt Haller, „und brüllt er nicht durch alles, wodurch man brüllen kann, durch Bücher und Zeitungen, durch Bilder und Dichtungen, bald durch betäubenden Klang und bald durch verführerischen Sirenengesang, von hohen und niedern Schulen, von Rathssälen, Kanzeln und Kathedern herab? giebt es noch irgend ein Organ, irgend ein Verbreitungsmittel in der Welt, durch welches er sein menschenfeindliches und unheilbringendes Gebrüll nicht vernehmen ließe?“ Leider nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wo man die Vernunft noch nicht aus dem Fenster geworfen hat. Während die Medien, sofern sie nicht mit der nachhaltigen Subkultivierung des Landes beschäftigt sind, kritischen Journalismus abzuschaffen bemüht sind, werden die Regierungsparteien bereits als „Altparteien“ im Sinne des Demokratischen Blocks der Parteien und Massenorganisationen der DDR belächelt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich auch in der Kirche eine säkulare Mentalität breitgemacht, die Konzessionen an den Zeitgeist macht, um „die Menschen dort abzuholen, wo sie sind“, sprich: ihnen überallhin hinterherzulaufen, und um „die Sprache der Menschen zu sprechen“, als sei diese Sprache irgendwie erstrebenswert oder erkenntnisfördernd.

So erleben wir, zwei Jahrhunderte nach Haller, wie die Freunde des Zeitgeistes fortfahren, der „traurigen Gegenwart“ die Erinnerung „an eine bessere Zeit“ auszutreiben – bis keine Erinnerung mehr da ist und die Gegenwart in ihrer ganzen Verdrehtheit als Normalität und ultima ratio erscheinen. Doch solange es noch Reste der Tradition gibt, ist es auch möglich, diesen Widersinn zurückzuweisen und der Verdrehtheit der Gegenwart, den „düsteren, ja man möchte fast sagen dämonischen Zügen unserer Zeit“, so der im Januar verstorbene Walter Hoeres, ein anderes Bild, eine andere Form und somit andere Werte entgegenzustellen. Der Teufel tut schon seine Arbeit, dessen können wir gewiss sein; also tun wir die unsere. Nicht zuletzt ist es die Aufgabe der Kirche, sich dem Zeitgeist in den Weg zu stellen, anstatt sich ihm an den Hals zu werfen.

Carl Ludwig von Haller: Satan und die Revolution und andere Schriften. Hrsg. von Jean-Jacques Langendorf. Wien/Leipzig 1991.

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